Missionare aus Gerlingen: Johannes Rebmann
- Brief aus Sansibar vom 18. September 1858
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Am 18. September 1858 schreibt Johannes Rebmann aus Sansibar an seine Geschwister in Gerlingen.

Sansibar, den 18tn Sept. 1858

Meine lieben Geschwister -

Eure Briefe von Februar u. März habe ich im Juli erhalten. Dem Hanserg u. seinen 9 Kindern habe ich seine 6 Eimer Wein herzlich gegönnt; den ob ich schon viele Jahre keine Weinberge, keinen Wein-Züber u. keine Kelter mehr gesehen habe, so weiß ich die Gefühle der Freude über einen guten Herbst doch noch wohl, u. ebenso wie bange es dem armen Landmann ist, wenn er im Spätjahr nicht weiß, wie er seine Schulden bezahlen soll. Du, lieber Gottlob sprichst von einer Leidensschule; auch dabei freute es mich zu vernehmen, daß du derselben nicht entlaufen wollest. Nichts fällt uns schwerer zu lernen, als daß geistliche und unsichtbare Güter mehr Werth seien als leibliche u. irdische. Und doch ist es keinem Zweifel unterworfen, dass wir selber diese Welt verlassen müssen, ohne den Zeitpunkt auch nur im Mindesten zu wissen. 

Man sollte meinen, diese eine klare u. feste Thatsache sollte genügen, jeden Menschen gründlich vor dem großen Unglück und der furchtbaren Thorheit zu bewahren, der näml. - daß man sein Herz an das Irdische hängt. Gewiß ist es besser alles zu verlieren, als jenem Narren zu gleichen, von dem im Evang. Lucä geschrieben steht. - Du liebe Katharina hast nun Hochzeit gehalten. Mein Wunsch für dich und deinen Mann ist aber der, daß ihr beide jenem Baume gleichen möget, über den auch der Herr Pfarrer die Hochzeit-Predigt gehalten hat. Er hat euch wohl erklärt, daß man die Worte "was er macht, das geräth wohl" nicht so verstehen darf, wie sie der irdisch gesinnte Mensch gern verstehen möchte, als ob es denn einem immer gut gehen sollte; denn in diesem Fall, würde, wie der

selige Hofacker sagt, bald alle Welt, selbst unsre Wanika, dem Heiland zulaufen. Aber das ist doch wahr, daß die Gottseligkeit zu allen Dingen nütze ist u. die Verheißung hat dieses u. des zukünftigen Lebens. Wann nichts wäre als das, daß man dabei in der Trübsal sich besser fassen kann, so wäre das schon ein großer Gewinn.

Als ich einmal in einem Weinberge Erden trug, hörte ich einen Spötter in einiger Entfernung sagen: "Warum betet er denn nicht, daß die Erde selber zu den Weinstöcken hinauf laufe?" Nicht wahr, wenn das Gebet diese Wirkung hätte, so würden sich bald alle Gerlinger gerne Pietisten schelten lassen: Aber das ist wahr, daß wenn man betet, man mit einem fröhlicheren u. seligem Herzen Erde trägt; denn "ein in Gott gesetzter Geist gibt ein still Gemüth u. Seelenruh." Jener arme Mann hatte bald einen gar schmerzlichen Verlust zu erleiden; ich will ihn aber nicht nennen.

Ihr werdet euch wundern, daß ich solche Sachen - in Africa nicht schon längst vergessen habe.

Die Jerusalemsfreunde müssen sich wohl noch eine Zeit lang gedulden, u. werden besser thun, ihre Augen mehr auf das geistl. als auf das irdische Jerusalem zu richten; denn in diesem sieht‚s noch gar betrübt aus. Ich hoffe, der liebe Herr Hoffmann werde sich in Palästina bald überzeugen, daß er noch eine Zeit lang ruhig seyn muß. Wir dürfen Gott nicht vorlaufen, sondern sollten froh seyn, daß es uns erlaubt ist. Ihm auf Seinen, u. nicht auf unsern Wegen, nachzufolgen.

Der neue Consul, Captain Rigby, ist endlich am 27st Juli von Bombay her, angekommen. In ihm hat Ostafrica einen Mann bei dem mehr Hoffnung da ist, als bei seinem Vorgänger, daß es allmählich in Verbindung mit der christlichen u. civilisierten Welt gebracht werde. Er gehört zu denen, von denen geschrieben steht: "Wer nicht wider euch ist, ist für euch." Er sieht kein Hinderniß auf dem Wege meiner Rückkehr zu den Wanika. Ich gedenke nun am Ende dieses Monats zunächst einen Besuch bei ihnen zu machen, um 

 

zu sehen, ob u. wie weit es den Leuten ein Ernst ist mit dem Verlangen, daß ich zu ihnen zurückkehre, u. besonders um den Abe Gonscha u. Mua Muamba zu sehen, die im April dieses Jahres von ihrem Besuch in Sansibar in ihre Heimath zurückkehrten. So Gott will, ist dann mein nächster Brief wieder von Kisuludini aus geschrieben. Hier arbeite ich nur an meinen Wörterbüchern, u. habe im letzten halben Jahre auch etwas arabisch gelernt.

7 Tage nach dem englischen Consul kamen auch zwei neue Missionare, Filter u. Prigge von Hermannsburg in Hannover an, die eine Galla-Mission gründen wollen. Sie wollten sogleich um Erlaubniß bitten, auf den Continent gehen zu dürfen, folgten aber meinem Rathe, zunächst hier zu bleiben, um die Kisuahell-Sprache zu lernen u. acclimatisirt zu werden. Diese Sprache ist unerläßlich auch für sie, weil man mit den Leuten an der Küste in beständiger Berührung stehen muß, u. man nur mit ihrer Einwilligung und Hülfe in das Jurra gehen kann. Sie brachten auch zwei Handwerker mit; aber diese, rieth ich ihnen, nach Port Natal, wo sie schon eine blühende Station unter den Kaffern haben, zurückgehen zu lassen, indem sie hier noch nichts thun könnten u. zunächst nur weitere Mühen verursachen würden; denn in einem fremden Lande ist jeder, der nicht mit den Leuten reden kann, wie ein Kind, u. für Kinder muß man sorgen.

Letzten Montag kam auch ein junger Reisender, Dr. Röscher aus Hamburg, hier an. Er ist ein trefflicher junger Mann. Seine erste Reise will er nach meinem Schneeberg, dem Kilimandscharo, machen, u. das ist mir recht, weil es in Europa Leute gibt, die meinen, daß mich meine Augen getäuscht haben u. irgendwelche weiße Steine für Schnee angesehen könnten. Nun genug für dießmal. Grüßet mir die Frau Dr. Krapf, u. saget ihr, daß ich ihren Brief erhalten habe. Ich denke, Dr. Krapf sei nun auf seiner Reise nach Abessinien, u. will ihm später wieder schreiben.

Seid hiermit mit allen Verwandten, Brüdern u. Schwestern herzl. gegrüßt von uns beiden u. dem Herrn empfohlen

Euer
Johannes R.
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